Kummermittel in der Homöopathie

Differenzierung nach Reichen und Unterreichen

Die Rubrik „Gemüt – Kummer, Trauer“ umfasst 149 Arzneien, die laut Prüfung oder klinischer Erfahrung einen mehr oder weniger deutlichen Bezug zu seelischem Schmerz haben. Das sind aber längst nicht alle Mittel, an die man bei einem „Kummerpatienten“ denken könnte oder müsste. Hilfreich sind hier weniger die allgemeinen Gemütsrubriken (1), sondern vielmehr ein differenzierter Blick auf die Individualität bzw. Besonderheit des betreffenden Patienten und die Kenntnis der Materia Medica auch „kleinerer“ Arzneien. Um die Auswahl der infrage kommenden Mittel sinnvoll eingrenzen zu können, hilft es, sich der Sensation-Methode Rajan Sankarans zu bedienen, welche allerdings ein jahreslanges Studium und viel Erfahrung erfordert. Hier eine kleine Auswahl weniger bekannter „Kummermittel“ aus unterschiedlichen Naturreichen.

Viele Patienten kommen vordergründig wegen diverser, oft chronischer oder häufig wiederkehrender körperlicher Beschwerden in die homöopathische Praxis. Im Anamnesegespräch wird dann aber schnell klar, dass ein tiefer Kummer hinter dem physischen Leid steckt und dass dieser die eigentliche Pathologie darstellt: das zu Heilende. Die entsprechenden Gemütsrubriken wie „Kummer, Trauer“ oder „Beschwerden durch – Kummer“ sind sehr allgemein und schließen zahlreiche Mittel aus, die ich durchaus als „Kummerarzneien“ bezeichnen würde. In der umfassenden Rubrik „Gemüt – Kummer, Trauer“ fehlen beispielsweise sämtliche Lithium- und Beryllium-Verbindungen sowie die Lanthanide, die Muttermittel (siehe: comed Mai/2013) und die Schwäne. Das einzige enthaltene Milchmittel ist Lac-c., die Hundemilch. Ferner vermisse ich Mag-c., Mag-n., Aur-s., Hura, Elaps und Musca-d., um nur einige zu nennen. In der etwas kleineren Rubrik „Beschwerden durch Kummer“ mit 94 Mitteln, sind neben anderen auch Elaps und Hura aufgeführt. Rajan Sankaran warnt vor dem unkritischen Gebrauch von Gemütsrubriken, da diese, wie er sagt, „viel Spielraum für Interpretationen lassen“ (2) . Wichtig ist es daher, nach individuellen, eigentümlichen Symptomen zu suchen, die charakteristisch für den betreffenden Patienten, dessen Beschwerden und vor allem für dessen Reaktionsmuster sind, sprich für die Art und Weise, wie er sein Leid empfindet, wie er damit umgeht und wie er es in der Anamnese beschreibt. An dieser Stelle kann es sehr nützlich sein, neben der Klassischen Homöopathie, wie sie uns Samuel Hahnemann gelehrt hat, auf das Konzept der Sensation-Methode Sankarans zurückzugreifen, um der Individualität jedes einzelnen Patienten gerecht zu werden. Wer sich bei der Repertorisation von „Kummerpatienten“ zu sehr auf allgemeine Rubriken verlässt, der wird häufig bei den bewährten Polychresten wie Nat-m., Ign., Staph., Puls. oder Carc. landen und sich wundern, dass der gewünschte Heilerfolg ausbleibt.

Die Sensation-Methode basiert auf der Klassischen Homöopathie Hahnemanns, hat diese aber um ein äußerst wertvolles Handwerkszeug erweitert: die Differenzierung nach Reichen und Unterreichen sowie einen komplexeren Umgang mit den Miasmen. Nach einer offenen Anamnese, bei der das Augenmerk neben den Fakten auf der Art und Weise liegt, wie sich der Patient ausdrückt, welche Worte und Handgesten er wählt und wie er sich dabei gibt, sprich wie lebendig oder zurückhaltend er agiert, folgt die Fallanalyse, wobei zunächst entschieden wird, aus welchem Naturreich das Arzneimittel stammen muss, das dem Patienten helfen soll. Wir unterscheiden hier im Wesentlichen zwischen Pflanzen-, Tier- und Mineralreich. Hinzu kommen noch Nosoden, Sarkoden und Imponderabilien. Dem liegt die Erkenntnis zugrunde, dass sich Empfindung und Ausdrucksweise der einzelnen Reiche gravierend voneinander unterscheiden. Ein „Pflanzenpatient“ ist extrem empfindlich auf Einflüsse, die von außen auf ihn einwirken, ein „Tierpatient“ dagegen ist geprägt von den Überlebensstrategien der Tierwelt. Hier geht es um das nackte Überleben: fressen oder gefressen werden, ich oder du. Einer ist der Täter, der andere das Opfer. Die Schuld wird in der Regel beim anderen gesucht. Mineralische Patienten wiederum empfinden einen Mangel an Fähigkeiten bei sich selbst, der sie daran hindert, ihren Alltag zu meistern.

Sobald das Reich feststeht, geht es um die Wahl des Unterreiches: Bei den „Pflanzenpatienten“ wird ja nach Art der spezifischen Empfindung nach der passenden Pflanzenfamilie gesucht, für die es klare Kriterien gibt. Maßgeblich hierfür sind die Prüfungssymptome. Bei den „Tieren“ erfolgt die Differenzierung nach den in der Anamnese geäußerten Überlebensstrategien und Reaktionsmustern. Diese lassen sich einer bestimmten Tierfamilie zuordnen z.B. den Säugetieren, Mollusken, Vögeln oder Reptilien. Zur näheren Eingrenzung des passenden mineralischen Mittels, wobei häufig Mittelkombinationen (Salze) erforderlich sind, bedienen wir uns des Periodensystems bzw. dessen Interpretation nach Jan Scholten. Abschließend entscheidet die Individualität und Besonderheit der Symptomatik, welches Mittel verordnet wird.

Nach dieser kurzen, äußerst fragmentarischen Einführung in die Sensation-Methode dürfte klar geworden sein, auf welchem Wege die einzelnen „Kummermittel“ voneinander differenziert werden: Reich – Unterreich – Arzneimittel.

Der Grund für diese spezielle Vorgehensweise liegt in der Erkenntnis, dass jeder Mensch eine Affinität zu einem bestimmten Naturreich hat. So ist es vorstellbar, dass drei verschiedene Patienten mit einer ganz ähnlichen Krankengeschichte in die Praxis kommen, wobei es jeweils um das Gefühl von Isolation, Einsamkeit, Missachtung und mangelnder Liebe geht. Alle drei leiden unter Schlafstörungen, depressiver Verstimmung und haben Verlangen nach Schokolade und salzigen Speisen. Dennoch empfindet und beschreibt der erste Patient seine Beschwerden „tierisch“, der zweite „pflanzlich“ und der dritte „mineralisch“. Wichtig ist, dass die Zuordnung nach einem Reich auf der tiefsten Ebene der Empfindung erfolgt, da gerade Erwachsene Anteile aus allen Reichen haben können, aber eben nur bis zu einer bestimmten Schicht. Sind wir mit der Anamnese an der Wurzel der Pathologie angekommen, kristallisiert sich ein bestimmtes Reich heraus.

Gelingt es nicht, den Patienten während der Anamnese in die Vitalempfindung zu bekommen, was häufig geschieht, dann müssen wir offen sein für das, was der Patient uns liefert, wohin er uns führt. Ein auffallendes, einzigartiges Symptom, das wir so nicht erwartet hätten oder das wir bislang noch von keinem anderen Patienten gehört haben, kann uns ebenfalls auf die richtige Fährte bringen.

Kummer – was ist das überhaupt?

Aus Sicht der Psychologie versteht man unter Kummer Hoffnungs- und Hilflosigkeit. Weitere wichtige Empfindungen in diesem Zusammenhang sind seelischer Schmerz, Trauer, Traurigkeit, Enttäuschung, enttäuschte Liebe, ein Gefühl der Einsamkeit und Isolation sowie die Empfindung, nicht wahrgenommen oder abgelehnt zu werden – wertlos zu sein.

Die Zuordnung mineralischer Mittel zu den Reihen und Spalten des Periodensystems stammt von dem holländischen Chemiker und Homöopathen Jan Scholten. Er hat den einzelnen Reihen (Perioden) und Spalten (Stadien) bestimmte Themen zugewiesen, die mit der menschlichen Entwicklung zu tun haben, auf die sich auch Rajan Sankaran und seine Schule beziehen.

Mineralreich

Lithium carbonicum (Lithiumkarbonat), Lith-c.

Lithium carbonicum ist die Kombination dreier Elemente der zweiten Reihe des Periodensystems (Kohlenstoff-Serie), die entwicklungsgeschichtlich der Geburt zugeordnet wird. Lithium steht ganz links, in der ersten Spalte, Carbon (der Kohlenstoff-Anteil) genau in der Mitte: in Stadium 10 (3) und Oxygenium (der Sauerstoff-Anteil) im 16. Stadium, also relativ weit rechts (direkt über Sulphur). Bei diesem Salz haben wir es folglich nur mit einem Themenkomplex zu tun: Trennung und Eigenständigkeit, welcher aus drei verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird. Lithium entspricht einem sehr primitiven Entwicklungsstadium: An eine mögliche Trennung (von der Mutter oder einer anderen Bezugsperson) ist noch gar nicht zu denken, sie ist unvorstellbar. Bei Carbon, in der Mitte der Reihe, ist sich der Patient bereits darüber im Klaren, dass die Geburt und damit die Trennung unmittelbar bevorstehen. Die entscheidende Frage dabei lautet: Werde ich es schaffen, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen, auf eigenen Füßen zu stehen? Oxygenium schließlich entspricht dem Zustand kurz nach der Entbindung, wenn das Baby die Enge des Geburtskanals bereits hinter sich gelassen hat und den ersten selbstständigen Atemzug tun muss: Das Kind ist geboren, hat die schützende Umgebung des Mutterleibs verlassen und muss nun allein zurechtkommen.

Nicht nur homöopathisch, sondern auch allopathisch ist Lithiumkarbonat ein wichtiges Mittel zur Behandlung von Kummer und Traurigkeit, vor allem bei manisch-depressiven Erkrankungen. Im Falle psychogener Depressionen oder depressiver Traurigkeit im Rahmen einer Neurose ist die Behandlung mit Lithium dagegen wirkungslos.

Rajan Sankaran beschreibt den Fall eines 51-jährigen Mannes, der phasenweise unter Depressionen mit Suizidgedanken litt. Seine Worte weisen eindeutig auf die linke Seite der zweite Reihe hin: „Ich ziehe mich in meine Hülle zurück, möchte mich selbst vor der Welt verschließen.“ Immer wieder spricht der Patient davon, dass er sich der Welt nicht stellen, sich in eine schützende Hülle zurückziehen und am liebsten im Bett bleiben will: „fast wieder in den Mutterleib zurück“. Er sagt: „Ich gehe in eine Hülle, will niemanden treffen und mit niemand reden.“ (4) Die zentrale Empfindung dieses Patienten, der noch nicht im Leben angekommen ist, lautet: Ich möchte mich in eine schützende Hülle zurückziehen, um mich der feindlichen Welt nicht stellen zu müssen. Er fühlt sich den Anforderungen des täglichen Lebens nicht gewachsen, hält sich für unzulänglich. Seine Krankengeschichte begann, als er von seinen Eltern in ein Internat geschickt wurde. Dort hatte er das Gefühl, die häusliche Sicherheit eingebüßt zu haben. Seine Empfindung damals war es, die Behaglichkeit des Mutterleibs verloren zu haben und fortan allein existieren zu müssen.

Ein weiterer Aspekt von Lithium carbonicum ist der niedrige bzw. schwankende Selbstwert. Aufgrund ihrer Unsicherheit halten sich Lithium-carbonicum-Patienten an das Bewährte: Neues und Unbekanntes ist ihnen suspekt. Alle Lithium-Verbindungen haben Furcht vor fremden Menschen, so auch Lithium carbonicum. Die Betroffenen brauchen Sicherheit und Verlässlichkeit, um ihre innere Unsicherheit zu kompensieren. Dabei können sie impulsiv und wankelmütig sein: Kommt ihnen eine Idee, muss diese sofort in die Tat umgesetzt werden. Stellt sich der gewünschte Erfolg jedoch nicht umgehend ein, dann wird die ganze Aktion abrupt eingestellt, und die Betroffenen verfallen in Lethargie. Charakteristisch bei diesem Arzneimittel ist der rasche Wechsel zwischen Arbeitswut und totaler Erschöpfung. Dabei sind die Betroffenen zwanghaft perfektionistisch. Sie glauben, ihren Selbstwert durch entsprechende Leistungen verbessern zu können bzw. zu müssen und stellen deshalb besonders hohe Ansprüche an sich. Auch haben sie das Verlangen, alles mehrfach zu kontrollieren. Ihr Selbstbild stimmt häufig nicht mit der Realität überein, was auf Dauer frustrierend für sie ist.

Lithium-carbonicum-Menschen wirken kindlich und naiv, sie brauchen immer eine Bezugsperson, an der sie sich orientieren können. Ansonsten fühlen sie sich hilflos und verlassen. Oft haben sie das Gefühl, von Mutter oder Vater nicht anerkannt und geschätzt zu werden, bilden sich ein, sie könnten es ihnen nie recht machen und haben Angst, zu versagen.

Der Kummer von Lithium-carbonicum-Patienten besteht in der Überzeugung, alleine nicht lebensfähig zu sein und immer eine andere Person zu brauchen, die sie durch den Alltag begleitet – ihnen die nötige basale Sicherheit gewährt.

Das Mittel wurde erstmals 1879 von T.F. Allen geprüft, zuletzt 1995 unter der Leitung von Anne Schadde (5).

Körperliche Symptome

Ein herausragendes Symptom von Lithium carbonicum ist die rechtsseitige Hemianopsie mit einem kompletten Sehverlust der rechten Seite. Typisch ist auch der Seitenwechsel bei Schmerzen von rechts nach links oder umgekehrt. Allgemein hat das Mittel einen Bezug zu rheumatischen Beschwerden vor allem der kleinen Gelenke (Arthritis) sowie zu Augen- und Herzleiden. In der Regel geht es Lithium-carbonicum-Patienten nachts schlechter, Essen und Ausscheidungen tun ihnen dagegen gut. Lith-c. ist ein frostiges Mittel mit Empfindlichkeit auf kalte Luft. Es bestehen großer Durst auf kalte Getränke und ein Verlangen nach Kaffee und Tee sowie eine Abneigung gegen Bier. Der Genuss von Schokolade führt zu Durchfall und Übelkeit. Kaffee und Zwiebeln werden ebenfalls nicht vertragen.

Pflanzenreich

Hura brasilienis (Sandbüchsenbaum), Hura

Hura brasiliensis oder auch Hura crepitans, der Sandbüchsenbaum, gehört zur Familie der Euphorbiaceen, der Wolfsmilchgewächse, für die das Thema „Anheften“ und „Zusammenschnüren“ besonders typisch ist. Menschen, deren Heilmittel aus dieser großen Pflanzenfamilie stammt, haben die Empfindung, angebunden oder festgehalten zu sein. Sie fühlen sich wie ein Häftling in der Zelle. Der Raum ist ihnen zu eng und zu klein. Sie können nichts tun, um sich aus dieser ausweglosen Situation zu befreien. Das Gefühl, von einem straff gespannten Band oder einer Kette fixiert zu sein, die ihnen keinen Bewegungsspielraum lassen, finden wir sowohl auf der körperlichen als auch auf der geistig-seelischen Ebene. So erleben sich die Betroffenen nicht nur physisch als vollkommen unbeweglich, sondern auch psychisch und mental: Sie sind unflexibel, starrköpfig und eigensinnig – verharren nahezu bewegungslos in ihrer „Zwangsjacke“. Dabei ist es ihr größtes Bedürfnis, sich loszureißen, der drangvollen Enge zu entfliehen, frei zu sein. Auch Kleidung und Hitze sind ihnen unerträglich. Die Türen müssen stets geöffnet bleiben. Ständige Bewegung tut gut, wobei es den Betroffenen zu Beginn der Bewegung erst einmal schlechter geht. Im kompensierten Zustand haben sie das Gefühl, frei und ungebunden zu sein. Trotz des begrenzten Raumes kommen sie gut zurecht. Sie verspüren mehr Bewegungsfreiheit bzw. es ist ihnen möglich, ihren Raum besser zu nutzen.

Hura brasiliensis ist eines der ganz großen „Kummermittel“. Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung sind bei dieser Arznei so extrem, dass Rajan Sankaran sie dem Lepra-Miasma (6) zugeordnet hat. „Ein Lepröser, ein Aussätziger, ist jemand, der durch einen unheilvollen Schicksalsschlag in die Lage gerät (als Aussätziger), dass seine Freunde sich von ihm abwenden. Sie hassen und verachten ihn, sie haben alle Sympathie verloren, er kann machen, was er will, er kann den Verlust durch nichts wettmachen, er kann nie mehr dahin zurück, wo er einmal war – einmal ein Lepröser, für immer ein Lepröser.“ (7) Genauso fühlt sich ein Mensch, dessen Heilmittel Hura brasiliensis ist: wie ein Aussätziger, der von seinen Liebsten verstoßen wurde, ohne Hoffnung, jemals wieder in deren Schoß aufgenommen zu werden – völlig allein und isoliert.

Hura-Menschen leben in der Überzeugung, „vom Unglück verfolgt, ausgestoßen, gehasst, verachtet, ohne Hoffnung auf Genesung.“ (8) Wobei die zentrale Empfindung von Hura brasiliensis lautet: Ich bin dazu verdammt, auf ewig festgebunden zu sein. (9) Die Betroffenen können nichts tun, um sich aus ihrer hoffnungslosen Situation zu befreien. Gleichzeitig sind sie voller Schuldgefühle: Sie bilden sich ein, für das Unglück ihrer Mitmenschen verantwortlich zu sein und meinen, ohne sie ginge es diesen besser. Am Anfang der Pathologie von Hura brasiliensis steht oft eine ungewollte Schwangerschaft mit schlechtem Gewissen, Schuld- und Schamgefühlen. Die betroffenen Frauen schämen sich für ihren Zustand, geben sich selbst die Schuld für den „Fehltritt“, ziehen sich von der Gesellschaft zurück und versuchen, den sich rundenden Bauch so lange wie möglich zu verbergen, aus Angst von der Familie verachtet und verstoßen zu werden.

Einen weiteren, ergänzenden Aspekt des Mittels beschreibt der französische Kinderarzt und Homöopath Didier Grandgeorge:„Hura ist eine Art Latex. Diese Personen erleben Liebe als eine Art elastische Kraft, ähnlich wie ein Gummiband. Je größer die Entfernung von dem geliebten Menschen, umso mehr werden sie versuchen, diese Person mit Gewalt anzuziehen. Wenn das Gummiband reißt, ist das katastrophal, und sie kommen nie darüber hinweg.“ (10) Während Hura-Persönlichkeiten ihre ausweglose Lage einerseits als Zwangsjacke empfinden, das Gefühl haben, in straffe Bänder gewickelt zu sein, versuchen sie andererseits, Menschen, die sie lieben und nicht verlieren wollen, durch ebensolche Bänder an sich zu binden.

In ihrem Unglück und ihrer Verzweiflung können Hura-Menschen destruktiv und selbstzerstörerisch sein: Sie kauen Nägel, beißen sich und andere. Auch sind sie mitunter suizidgefährdet, da sie sich für minderwertig und verabscheuungswürdig halten, was ihnen die Lebensgrundlage entzieht.

Bezeichnenderweise träumen Hura-Menschen von Beerdigungen, Friedhöfen, Gräbern und verstümmelten Leichen mit abgetrennten Gliedmaßen.

Körperliche Symptome

Die physischen Beschwerden von Hura gehen häufig mit der Empfindung von Zusammenschnürung oder Zusammenziehen einher, z.B. im Bereich von Kopf, Hals, Brust oder Rektum. Ferner hat das Mittel Bezug zu rheumatischen Beschwerden und zu Hautausschlägen, die als ekelhaft oder ungut empfunden und daher sorgsam verborgen werden müssen, vergleichbar den leprösen Hauterscheinungen. Typisch ist ein Schwindel mit dem Gefühl, die Füßen würden den Boden nicht berühren, die Empfindung einer Kugel unter der linken Brust oder das Gefühl, eine Kugel rolle im Gehirn hin und her. Hura-Patienten sind sehr lärmempfindlich, zucken beim geringsten Geräusch zusammen oder zittern vor Schreck. Hitze und enge Kleidung vertragen sie schlecht.

Tierreich

Wie alle Tauben können auch Ringeltauben Krankheiten übertragen wie die Trichomoniasis, weshalb sie von vielen Menschen gemieden oder sogar aktiv verjagt werden. Andere wiederum fühlen sich zu ihnen hingezogen und füttern sie mit Hingabe. Insgesamt haben Tauben aber keinen besonders guten Ruf, weshalb sie abschätzig „Ratten der Lüfte“ genannt werden.

Menschen, die Bezug zu Columba palumbus, der Ringeltaube, haben, sind selbstlos und hilfsbereit, was leider von vielen schamlos ausgenützt wird.  Auf körperlicher Ebene haben sie Probleme mit dem Harntrakt. Menschen, die Bezug zu Columba palumbus, der Ringeltaube, haben, sind selbstlos und hilfsbereit, was leider von vielen schamlos ausgenützt wird. Auf körperlicher Ebene haben sie Probleme mit dem Harntrakt.

Columba palumbus (Ringeltaube), Colum-p.

Tauben (Columbidae) sind die einzige, dafür aber artenreiche Familie in der Ordnung der Taubenvögel (Columbiformes). Diese umfasst 42 Gattungen mit über 300 Arten. Homöopathisch werden die Ringeltaube (Columba palumbus), geprüft von Elisabeth Schulz, und die Felsentaube (Columba livia domestica) genutzt.
Die Ringeltaube ist die größte Taubenart Mitteleuropas. Unverwechselbar sind ihre weißen Flügelbänder und der weiße Halsstreifen. Ringeltauben leben in größeren Verbänden, die nördlichen Populationen sind Zugvögel, die südlichen und westlichen sind dagegen sesshaft. Sie bevorzugen bewaldete Landschaften, leben aber auch in Parks und auf Friedhöfen.

Columba palumbus ist ein kleines, aber interessantes „Kummermittel“. Menschen, die diese relativ unbekannte Arznei brauchen, fühlen sich als Opfer. Laut Jonathan Shore ist das Kernthema von Colum-p. der Missbrauch, verbunden mit einem passiven, langjährigen Leiden. „Die Welt ist für die Taube zu hart, voll von Gewalt und persönlichen Verletzungen. Die Menschen sind grausam. Tauben sind sehr empfindlich, voller Schuld und Schamgefühl. Sie sind zu nett für diese Welt und scheinen manchmal zurückgeblieben oder gar geistig behindert zu sein, sind es aber nicht. Im Gegensatz zu Barium hat sich die Taube lediglich von der Härte der Welt zurückgezogen.“ (11) Columba-palumbus -Menschen sind der festen Überzeugung, dass sie die schlechte Behandlung durch andere auch tatsächlich verdienen bzw. verdient haben. „Sie fühlen sich unterlegen, fett, dumm und hässlich.“ (12) Sie geben sich selbst die Schuld, wenn etwas schiefläuft, denken, dass es ihr Fehler war. Ihr Glaubenssatz lautet daher: Ich bin falsch, ich mache es nicht richtig. Und dafür schämen sie sich.

Nach außen wirken sie milde, liebevoll, herzlich, sind voller Zuneigung und Wärme, sogar dem „Feind“ gegenüber. Ihre Wut dringt nicht nach außen. Man könnte diese Menschen als altruistisch bezeichnen: Für sich selbst tun sie kaum etwas, für andere dagegen umso mehr. In ihrem Inneren sieht es jedoch häufig völlig anders aus. Dort hegen sie einen tief empfundenen Hass, verbunden mit Zorn und aggressiven Gefühlen. Ganz ähnlich wie bei Staphisagria werden diese negativen Regungen tunlichst verdrängt, was zu autoaggressiven Tendenzen führt. Auch der Kummer tritt nicht offen zu Tage, sondern wird sorgsam unterdrückt: Es ist mehr ein innerliches Weinen. Sie schimpfen nicht und beklagen sich kaum über erlittenes Unrecht. Sie erdulden es einfach, so als sei es ihre Bestimmung.

Wie bei Staphisagria legen die Betroffenen großen Wert darauf, was andere über sie denken, wie andere sie sehen. Gesellschaftliche Werte und Normen können nicht negiert werden. Zur Unterscheidung Staphisagria – Columba palumbus schreibt Peter Fraser: „Die Verdrängung vollzieht sich nicht ganz so aktiv wie bei Staphisagria, vor allem aber enthält es nicht die Entrüstung, die letzterem Mittel so bedeutsam ist. Zwar gibt es auch hier ein starkes Element der Scham, das jedoch nicht so sehr als Demütigung erlebt wird wie bei Staphisagria.“ (13) Colum-p. ist die Verdrängung nicht einmal bewusst, sie geschieht einfach: heimlich, still und leise. Dabei werden nicht nur Zorn und Aggressionen unterdrückt, sondern auch alle positiven Gefühle wie Leidenschaft und Begeisterung. Was zurückbleibt ist eine große innere Leere.

Die Tragik ist, dass die Gutmütigkeit und selbstlose Hilfsbereitschaft dieser Menschen nur allzu oft ausgenützt wird, was deren innerliches Feuer schürt. Wie bei Staphisagria lassen sie alles über sich ergehen und wehren sich kaum, sie spüren instinktiv, dass sie in der Hackordnung ganz unten stehen und zu dienen haben, vergleichbar den Tauben in Grimms Märchen „Aschenputtel“: Sie sitzen in der Asche und leben von den Abfällen der Menschen: „Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen“.

Columba-palumbus-Menschen sind äußerst empfindlich auf Tadel und Kritik, ihr Reaktionsmuster ist der Rückzug aus der feindlichen Welt. Mit Gewalt und Feindseligkeiten wollen sie nichts zu tun haben. Kein Wunder, dass die Taube als Symbol für den Frieden zwischen den Völkern gilt.

Die Differenzierung zwischen Staphisagria und Columba palumbus erfolgt nicht zuletzt durch die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Reichen: Staphisagria ist eine Pflanze mit der pflanzentypischen Empfindlichkeit, in diesem Fall der Ranunculaceen (auf Grobheit und Verletzung). Columba palumbus ist ein Vogel und gehört dem Tierreich an. Allen Vogelmitteln gemeinsam ist die Sehnsucht nach uneingeschränkter Freiheit. Entsprechend empfinden Menschen, deren Heilmittel ein Vogel ist, ihren Alltag als Gefängnis: Sie fühlen sich eingesperrt, ihrer individuellen Freiheit beraubt. In der Anamnese können wir mehr oder weniger deutlich die Opfer-Aggressor-Thematik wahrnehmen. Da gibt es einen, der eingeschränkt und gefangen genommen wird: das Opfer. Daneben gibt es aber auch den Täter, der das Opfer in Ketten legt, d.h. es findet eine Schuldzuweisung von Seiten des Patienten statt. Wobei es sich bei dem Schuldigen nicht zwangsläufig um eine Person handeln muss, auch eine Krankheit kann als Täter empfunden und entsprechend beschrieben werden.

Körperliche Symptome

Eine körperliche Schwachstelle bei Colum-p. ist der Harntrakt mit schneidenden oder stechenden Schmerzen und dem Gefühl, als sei ein Schnitt in der Blase. Die Schleimhäute sind trocken, die Zunge brennt, und auch der Husten ist trocken. Häufig besteht ein Kloßgefühl im Hals. Mitunter klagen Columba-palumbus-Patienten über stechende Herzschmerzen. Hitze wechselt ab mit Frost, im Klimakterium leiden die Frauen unter Hitzewallungen.

Nosoden und Sarkoden sind homöopathische Arzneimittel, die aus Krankeits- oder Stoffwechselprodukten von Mensch, Tier, Mikroorganismen oder Viren hergestellt werden. Das Wort „Nosode“ leitet sich von dem griechischen Begriff „Nosos“ (= Krankheit) ab. Werden Homöopathika aus Erregern oder Ausscheidungen infektiöser Krankheiten gewonnen, dann nennt man sie Nosoden. Im Gegensatz dazu stammen Sarkoden aus gesundem Organgewebe. Die „Muttermittel“ wie Lac humanum, Placenta humana, Vernix caseosa, Folliculinum, Chorda umbilicus (Umbilicus humanus), Aqua amniota humana und Oxytocin zählen zu dieser Gruppe, aber auch Lacrimae hominis, die menschliche Tränenflüssigkeit.

Nosoden und Sarkoden

Anthracinum (Milzbrandnosode) Anthraci.

Ursprünglich wurde die Nosode aus einem bösartigen Milzbrandkarbunkel eines mit Bacillus anthracis infizierten Schafes hergestellt, heute dient der Leberextrakt eines milzbrandkranken Kaninchens als Ausgangsstoff für das homöopathische Mittel. Der Begriff Anthracinum leitet sich vom lateinischen Wort „Anthrax“ ab und bedeutet „fressendes Geschwür“.

George Vithoulkas schreibt über Anthracinum, es hege einen so starken Kummer in seinem Inneren, dass es als das Mittel mit dem stillsten Kummer und der schwersten emotionalen Verletzung angesehen werden müsse. Es scheine so, als wären alle seelischen und geistigen Traumata von Anthracinum in einem gewaltigen Tumor eingeschlossen. (14) Charakteristisch für Anthracinum sind unterdrückter Kummer, tiefe Traurigkeit und Bitterkeit, die sich in Form nekrotischer Veränderungen gegen den eigenen Organismus wenden und diesen zerstören.

In ihrem Kummer und ihrer Trauer, beispielsweise über den Tod geliebter Personen oder das Ende einer Beziehung, werden Anthracinum-Patienten gleichgültig gegenüber ihren Mitmenschen, deren Freud und Leid sie dann nicht mehr rühren. Ihre Erinnerungsfähigkeit ist ebenfalls eingeschränkt. Die Betroffenen sind reizbar und ruhelos, vor allem nachts, Frauen auch vor dem Einsetzen der Menstruation. Anthracinum-Menschen fühlen sich häufig schuldlos in einen Konflikt hineingezogen und werden auf diese Weise ungewollt zum Opfer. Diese scheinbar ausweglose Situation kann der Auslöser von Abszessen oder Karbunkeln sein. Wie der Abszess kapselt sich auch der Mensch von seiner Umwelt ab, zieht sich zurück und macht seine Probleme mit sich alleine aus. Er kann aber auch sehr wütend und aggressiv werden. Anthracinum ist ein düsteres Mittel: Tod und Untergang sind stets präsent.

Körperliche Symptome

Anthracinum hat seinen körperlichen Schwerpunkt im Bereich der Haut mit destruktiven Prozessen wie Gangrän mit Gewebszerfall, Sepsis, bösartigen Geschwüren, akuten und chronischen Abszessen, Wundheilungsstörungen mit fauligen, jauchigen Absonderungen und einer schwärzlichen Verfärbung des betroffenen Gewebes. Die Gerinnungsfähigkeit des Blutes ist herabgesetzt. Eine Verschlechterung tritt in der Regel nachts, bei Frauen auch vor den Menses ein. Der Mundgeruch ist extrem übelriechend, der Geschmack unangenehm. Typisch sind Gerstenkörner, die in Gruppen auftreten. Die Betroffenen haben extremen Durst, auch im Fieber. Es besteht Abneigung gegen den Geruch und Geschmack von Eiern sowie gegen fettes Fleisch. Wollkleidung wird im Allgemeinen schlecht vertragen. Mittelweisend sind deliröse Zustände im Fieber und durch Sepsis, begleitet vom Verlangen zu beißen.

Das homöopathische Mittel Lacrimae hominis wird aus menschlichen Kummertränen hergestellt. Diese enthalten andere Inhaltsstoffe als Tränen, die beim Zwiebelschneiden vergossen werden. Das homöopathische Mittel Lacrimae hominis wird aus menschlichen Kummertränen hergestellt. Diese enthalten andere Inhaltsstoffe als Tränen, die beim Zwiebelschneiden vergossen werden.

Lacrimae hominis (menschliche Tränenflüssigkeit) Lacr-h.

Lacrimae, die Tränenflüssigkeit, wird aus menschlichen Tränen hergestellt, die von verschiedenen Personen unterschiedlichen Geschlechts und Alters in Kummersituationen gewonnen werden. Die chemische Zusammensetzung der Tränenflüssigkeit richtet sich nach dem Auslöser des Weinens, so enthalten Kummertränen reichlich Enzyme und Hormone, die in Tränen, die während des Zwiebelschneidens vergossen werden, nicht vorkommen.

Lacrimae ist eine wahre „Kummerarznei“, bei der Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und die Folgen von Trennung im Mittelpunkt stehen. Es geht um das Gefühl, allein, verlassen und ohne Aussicht auf eine bessere Zukunft zu sein. Der betroffene Mensch ist pessimistisch und verharrt wie erstarrt in seiner „Endzeit“-Stimmung. Er hat die Empfindung, das Leben habe ihm nichts mehr zu bieten. Alles scheint sinnlos, und kein Mensch kann ihm helfen.


Wie bei Natrium muriaticum, einer verwandten Arznei, geht es um eine große Enttäuschung mit der sicheren Überzeugung, diesen traurigen Zustand niemals überwinden zu können. Die passive Reaktion ist Abgestumpftsein.

Die Berliner Homöopathin Heike Dahl schildert den Fall eines Mannes, der nach 15 Ehejahren von seiner Frau verlassen wurde. Der große Kummer über diese endgültige Trennung hat dazu geführt, dass er an Gewicht verloren hat. Sein Gesicht ist blass und eingefallen mit dunklen Ringen unter den Augen, er sieht müde und traurig aus. Sein Anliegen äußert er folgendermaßen: „Ich brauche Scheißegaltropfen, sonst gehe ich kaputt! Bei mir geht es steil bergab. Ich glaube, ich bin nicht mehr zu retten. (…) Ich kann nichts Schönes mehr sehen, wenn andere mich darauf hinweisen, denke ich: Was für´n Scheiß! Ich bin wie in einer Starre, fühle mich von allem, was sie sagt, angegriffen, blocke völlig ab. Ich habe kein Ziel mehr. Ich bin völlig pessimistisch und kann das Positive nicht mehr sehen. Wenn die Kinder mich trösten wollen, mir was Schönes malen oder so, ich blocke alles ab, es interessiert mich nicht …“ (15) Ferner spricht er davon, dass er vollkommen eingeht, sich in einer Aktionsstarre befindet. Aggressivität und depressive Verstimmung wechseln sich ab. Er leidet unter Schlafstörungen, wacht nachts mehrfach auf und kann dann nicht mehr einschlafen. Und weiter: „Ich fühle mich so verlassen, alleine und hoffnungslos. Ich habe Angst, (…) ich habe das Gefühl, das Leben ist zu Ende. Die Welt geht unter.“ (16)

Lacrimae, eine bislang noch recht unbekannte Arznei, scheint ein Mittel zu sein, das in akuten, scheinbar ausweglosen Kummersituationen, in denen viele Tränen vergossen werden, entscheidend dazu beiträgt, den entgleisten Menschen zu stabilisieren – ein tränenreiches Natrium muriaticum.

Das Mittel wurde 2010 in Berlin blind verrieben und dabei geprüft. Das Verreibungsprotokoll kann im Internet eingesehen und heruntergeladen werden. (17) Die zentralen Themen sind: Depression, Empörung, Fassungslosigkeit, Sich-gehen-Lassen, Kummer, Leere, Machtlosigkeit, Trennung, Unfassbarkeit und häufiges Weinen.

Körperliche Symptome

Der seelische Schmerz geht einher mit Gewichtsverlust, Schlafstörungen, mangelndem Appetit und Durst. Weitere körperliche Symptome sind ein quälender Juckreiz am ganzen Körper, vor allem aber im Gesicht und im Bereich des Kopfes. Es besteht ein Kratzen im Hals mit belegter Stimme und eine Neigung zu Nackenverspannungen. Mitunter klagen die Patienten über ein Kältegefühl in Armen und Rücken. Seh- und Hörstörungen können ebenfalls vorkommen.

Folliculinum (Östron, Östrogenhormon) Foll.

Folliculinum, das Östrogen aus dem Ovarialfollikel, stellt den Anfang der Menschwerdung dar, insofern verwundert es nicht, dass es bei diesem „Muttermittel“ darum geht, den Anfang zu finden, mit einer Sache beherzt zu beginnen. Folliculinum-Menschen verharren innerlich, sind entscheidungsschwach, ohne eigenen Willen – es fehlt ihnen an Initiative und Entschlusskraft. Darüber hinaus weist Folliculinum einen deutlichen Bezug zu Bindungsproblemen zwischen Mutter und Kind auf sowie zu Abhängigkeitsverhältnissen ganz allgemein. Typisch für Folliculinum sind mangelnde Identität und Selbstzweifel bis hin zur Selbstverleugnung sowie die Unfähigkeit, eigenständig zu werden. Die Betroffenen haben größte Schwierigkeiten damit, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen oder gar zu artikulieren. Sie sind nicht in der Lage, Forderungen zu stellen. Auch können sie ihren „Raum“ nicht verteidigen, sich nicht abgrenzen, was sie anfällig für Übergriffe und Missbrauch macht. Wut und Aggressionen werden wie bei Staphisagria oder Columba palumbus nicht oder zumindest kaum gelebt.

Folliculinum ist dann angezeigt, wenn ein Mensch kein eigenes Autoritätsgefühl besitzt und nie gelernt hat, nein zu sagen. Er ist stets darum bemüht, sich so zu verhalten, wie es von ihm erwartet wird, möchte keineswegs auffallen – weder negativ noch positiv. Dabei ist er äußerst empfindlich gegenüber Kritik oder Bevormundung. Menschen, bei denen man an Folliculinum als Heilmittel denken könnte, weisen nicht selten ein Helfersyndrom auf und leben in erster Linie für die Erfüllung der Bedürfnisse anderer. Sie fühlen sich kontrolliert und unfrei, können sich mitunter nicht von der Mutter bzw. der Ursprungsfamilie lösen. Auf der anderen Seite tun sie sich schwer, echte Bindungen einzugehen, beispielsweise zum eigenen Kind. Laut Armin Seideneder ist Folliculinum bei Menschen mit starker Selbstkontrolle aus übertriebener Furcht oder Verantwortung angezeigt (18), damit ähnelt es Carcinosinum, der Nosode aus dem Mamm-Ca. Folgerichtig weist Seideneder daraufhin, dass man an Folliculinum denken muss, wenn starke Indikationen für Carcinosinum bestehen, dieses aber versagt wie z.B. „Sie fühlt sich von anderen kontrolliert; sie lebt die Erwartungen anderer; sie verliert sich völlig in ihren Beziehungen; sie lebt nicht in Einklang mit ihrem Rhythmus; sie fühlt sich emotional ausgelaugt; sie verliert ihren Willen; sie überschätzt ihre Energiereserven (…); sie ist voller Selbstverleugnung; wird eine Retterin, gefangen darin, andere zu erretten.“ (19)
In einem Folliculinum-Fall der holländischen Homöopathin Alize Timmerman geht es um eine Frau, die wegen Migräne und stechenden Unterbauchschmerzen auf Höhe der Eierstöcke in Behandlung kam. Aufgrund einer Ovarialzyste und eines großen Myoms hatte sie sich einer Hysterektomie unterziehen müssen. Die Kopfschmerzen traten alle zwei Wochen auf, waren v.a. rechtsseitig und gingen mit Photophobie, Übelkeit und Erbrechen einher. Zudem litt die Patientin unter starkem Brustspannen und Wassereinlagerungen. Sie äußerte, die abdominellen Schmerzen seien am schlimmsten gewesen, als ihr Sohn sein Studium abgebrochen hatte: „Ich habe alles getan, alles gegeben, was ich konnte … das geht über meine Grenzen. Ich sollte eigentlich wütend werden über die ganze Situation, bin aber nur ein bisschen böse.“ (20) Sie hatte das Gefühl, in ihrer Fürsorge missbraucht worden zu sein. Lange Zeit hatte sie sowohl ihre körperlichen als auch ihre seelischen Probleme hintangestellt und gedacht, das gehe schon vorüber. Die Patientin wirkte auf den ersten Blick wie eine Pulsatilla-Frau: weiblich und warmherzig. Folliculinum hat ihr physisch und psychisch sehr geholfen.

Dieses „Muttermittel“ verleiht die Fähigkeit, Macht über sich selbst zu bekommen und einen eigenen Willen zu entwickeln. Es spendet Wissen darüber, dass es ein Selbst gibt, welches man beanspruchen kann und vor allem darf.

Körperliche Symptome

Folliculinum wirkt in erster Linie auf das weibliche Hormonsystem mit Zyklusstörungen, Dysmenorrhoe, zyklusabhängiger Migräne, Brustschwellung vor den Menses, trockener Vaginalschleimhaut und klimakterischen Beschwerden wie Hitzewallungen und Schweißausbrüchen. Die einzelnen Symptome treten in der Regel vor den Menses oder im Vorfeld der Ovulation auf. Auch die Haut kann betroffen sein mit Akne, Hautjucken, seborrhoischem Ekzem und empfindlichen, eingerissenen Fingerspitzen. Zudem besteht eine Neigung zu kalten Extremitäten mit Morbus Raynaud. Im Bereich der Genitalien und des Harntrakts kommt es zu rezidivierendem Candida-Befall und zu wiederkehrenden Zystitiden.

Das Mittel hat autoaggressive Züge, was sich auch körperlich bemerkbar macht, in Form von Autoimmunkrankheiten wie Sklerodermie. Infertilität aufgrund fehlender Eisprünge gehört ebenfalls zum Mittelbild, desgleichen Zysten, Tumore, Fibrome und Myome.

Fazit

Diese bescheidene Auswahl unterschiedlichster Mittel aus verschiedenen Naturreichen zeigt, dass es trotz gewisser Überschneidungen wie enttäuschte Liebe, Verlassenheitsgefühle, Gefühl der Wertlosigkeit und der seelischen Verletzung doch deutliche Differenzierungsmöglichkeiten sowohl auf der psychischen als auch auf der physischen Ebene gibt. Entscheidend ist es, bei jedem Patienten den „roten Faden“ zu suchen, das Eigentümliche, das ihn von allen anderen Patienten unterscheidet. Dieses Besondere, Einzigartige muss mit einem Mittel in Verbindung gebracht werden, für das genau diese spezifische Kombination charakteristisch ist. Was den Menschen in seiner Gesamtheit und Individualität ausmacht, muss auch das Mittel ausmachen. Oder anders ausgedrückt: Was beim Patienten herausragend ist, muss typisch für die Arznei sein. Nur dann wird sie dem Patienten helfen, sein „Herzeleid“ und die daraus resultierenden körperlichen Beschwerden zu überwinden.

Die Mitteldarstellungen sind eine Kurzform meines 2015 im Haug Verlag erschienen Buches „Kummermittel in der Homöopathie“, das 70 Mittel aus unterschiedlichen Reichen mit Bezug zu Kummer und Trauer vorstellt. Die Aussagen werden anhand exemplarischer Rubriken verifiziert.

Anmerkungen:
(1) Nach Radar 10.5.003
(2) Rajan Sankaran: Intensivkurs Homöopathie, S. 213
(3) Einteilung nach Jan Scholten
(4) Rajan Sankaran: Struktur. Erfahrungen mit dem Mineralreich. Bd. 1, S. 217
(5) Anne Schadde: Lithium carbonicum. Eine homöopathische Studie
(6) Sankaran hat neben den herkömmlichen Miasmen fünf weitere in die Homöopathie eingeführt: Typhus, Ringworm, Malaria, Krebs und Lepra.
(7) Sankaran hat neben den herkömmlichen Miasmen fünf weitere in die Homöopathie eingeführt: Typhus, Ringworm, Malaria, Krebs und Lepra.
(8) Rajan Sankaran: Die Seele der Heilmittel, S. 102
(9) Siehe: Rajan Sankaran: Einblicke ins Pflanzenreich. Bd. 1, S. 309
(10) Siehe: Frans Vermeulen: Synoptische Materia Medica 2, S. 480
(11) Jonathan Shore: Vögel, S. 47
(12) Peter Fraser: Vögel in der Homöopathie, S. 239
(13) Peter Fraser: Vögel in der Homöopathie, S. 238
(14) Siehe: Bhawisha und Shachindra Joshi: Nosoden & Naturkräfte in der Homöopathie, S. 30
(15) Heike Dahl: Verzweiflung, Kummer, Trennungsschock. In: Homoeopathia viva 2/2012, S. 40
(16) Heike Dahl: Verzweiflung, Kummer, Trennungsschock. In: Homoeopathia viva 2/2012, S. 40
(17) Siehe: http://c3-in-berlin.blogspot.de/2011/01/traenen-von-7-personen.html
(18) Armin Seideneder: Mitteldetails der homöopathischen Arzneimittel. Bd. 2, S. 2512
(19) Melissa Assilem, zitiert nach: Armin Seideneder: Mitteldetails der homöopathischen Arzneimittel. Bd. 2, S. 2512
(20) nach: Ruth Rohde: Kinderwunsch. In: Homoeopathia viva 2/2012, S. 19

Literatur

(Dorit Zimmermann)